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09.09.2026

Wir brauchen Zoos – Haus des Meeres zeigt, warum

Wer durch soziale Medien scrollt, gewinnt schnell den Eindruck, Zoos seien nicht mehr zeitgemäß. Immer wieder wird gefordert, Tiere ausschließlich in ihren natürlichen Lebensräumen zu schützen und – wo immer möglich – wieder auszuwildern. Die Forderung dahinter ist verständlich: Tierwohl muss an erster Stelle stehen, Lebensräume müssen erhalten und bedrohte Arten in der Natur geschützt werden.

Was dabei häufig übersehen wird: Genau das ist heute ein wesentlicher Teil der Arbeit moderner, wissenschaftlich geführter Zoos. Erhaltungszucht und Auswilderung, Forschung und Lebensraumschutz, Tierwohl und Umweltbildung sind keine Gegensätze, sondern greifen ineinander. Kritik an Tierhaltung ist wichtig und notwendig. Die pauschale Vorstellung jedoch, Artenschutz „vor Ort“ sei eine Alternative zu modernen Zoos, greift zu kurz.

Bereits 2019 schätzte der Weltbiodiversitätsrat, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Lebensraumzerstörung, Übernutzung natürlicher Ressourcen, Umweltverschmutzung, invasive Arten und Klimawandel setzen ihnen zu.

„Moderne, wissenschaftlich geführte Zoos sind längst nicht mehr reine Ausstellungsorte, sondern Kompetenzzentren für Arten-, Umwelt- und Tierschutz“, betont Mag. med. vet. Jeff Schreiner, Zoodirektor des Haus des Meeres.

Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit bleibt für Besucher*innen unsichtbar: hinter den Kulissen, in wissenschaftlichen Kooperationen und Tausende Kilometer von Wien entfernt.

So konnten in diesem Jahr rund zwölf Teilnehmer*innen das Haus des Meeres auf einer Expedition nach Mexiko begleiten und Einblick in Renaturierungsmaßnahmen und laufende Auswilderungsprojekte gewinnen. Ein Beispiel ist der Tequila-Kärpfling (Zoogoneticus tequila): Die bedrohte Fischart konnte mit Unterstützung des Haus des Meeres wieder in ihrem natürlichen Lebensraum angesiedelt werden. Gleichzeitig engagiert sich das Haus für den Erhalt und die Wiederherstellung jener Gewässer, ohne die eine Auswilderung langfristig keinen Sinn hat.

„Was nützt uns ein seltener Fisch im Aquarium, wenn es keinen Fluss mehr gibt, in dem er leben kann?“, bringt Schreiner den Ansatz auf den Punkt.

Nur wenige Monate zuvor führte eine Expedition des Haus des Meeres gemeinsam mit der Zoologischen Staatssammlung München und der Universität Antananarivo in einige der außergewöhnlichsten Lebensräume Madagaskars. Dabei gelang es dem Forschungsteam, zahlreiche bislang wissenschaftlich unbekannte Tierarten zu entdecken und damit wertvolle neue Erkenntnisse über die außergewöhnliche Biodiversität der Insel zu gewinnen.

Gleichzeitig stieß das Team selbst in eigentlich geschützten Wäldern auf eine bislang wenig beachtete Bedrohung: Aus den mächtigen Brettwurzeln großer Bäume werden kreisrunde Stücke herausgesägt, aus denen Holzpfannen für das Goldwaschen gefertigt werden. Die Eingriffe schädigen die Bäume massiv und zeigen, wie eng der Schutz von Arten und Lebensräumen mit dem Erhalt unserer eigenen Lebensgrundlagen verbunden ist.

Doch Artenschutz beginnt nicht erst auf einer Expedition in Mexiko oder Madagaskar – und er endet dort auch nicht. Was im Freiland sichtbar wird, setzt sich Tag für Tag mitten in Wien fort.

Im Haus des Meeres werden im Rahmen koordinierter Erhaltungszuchtprogramme genetisch wertvolle Tierbestände aufgebaut und gefährdete Arten nachgezüchtet. Dabei arbeitet kein Zoo für sich allein: Moderne Zoos und Aquarien sind Teil eines weltweiten Netzwerks, in dem Tierbestände koordiniert, Wissen ausgetauscht und Artenschutzmaßnahmen gemeinsam umgesetzt werden. Davon profitieren nicht nur bekannte „Flaggschiffarten“, sondern gerade Tiere, die sonst kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, etwa die Bayerische Kurzohrmaus oder hoch bedrohte Mexikanische Hochlandkärpflinge. Denn Artenschutz darf nicht bei Panda, Tiger und Co. enden.

Auch heimische Arten stehen im Fokus. Als Partner des Projekts LIFE-Boat4Sturgeon unterstützt das Haus des Meeres den Erhalt bedrohter Donaustöre. Gemeinsam mit dem Naturschutzbund wurden zudem mit Besucher*innen viele Hunderte Nistkästen gebaut und verschenkt.

Forschung liefert dafür wesentliche Grundlagen. Gemeinsam mit wissenschaftlichen Einrichtungen wurden unter anderem das Verhalten der Bayerischen Kurzohrmaus und die Gruppendynamik der vom Aussterben bedrohten Lisztaffen untersucht. Auch Korallen stehen im Fokus: So konnte gezeigt werden, dass riffbildende Steinkorallen aktiv Wasserströmungen erzeugen und mit erstaunlich komplexen Wachstums- und Abwehrstrategien auf ihre Umgebung reagieren. Darüber hinaus gelang der Nachweis einer invasiven Plattwurmart für Österreich. In einem weiteren Forschungsprojekt konnten mithilfe von MRT-Aufnahmen sogar Parasiten sichtbar gemacht werden, die in das Gehirn von Haifischen wandern.

Auch erfolgreiche Nachzuchten liefern Erkenntnisse über Entwicklung, Fortpflanzung und Biologie. Dazu zählt die Nachzucht des Gewöhnlichen Adlerrochens (Myliobatis aquila). Einen besonderen Erfolg stellen die Welterstnachzuchten der Haarfrösche dar, die international für große Aufmerksamkeit und Begeisterung sorgten. Solche Erfolge erweitern das Wissen über wenig erforschte Arten und schaffen Grundlagen für Haltung, Zucht und zukünftige Schutzmaßnahmen.

Mindestens ebenso wichtig ist es, dieses Wissen weiterzugeben. Schulführungen, interaktive Angebote und das zoopädagogische Team machen ökologische Zusammenhänge greifbar. Dabei können auch Arten, die selbst nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht sind, wichtige Botschafter sein. Nilflughunde etwa wecken Interesse an Fledertieren und schaffen Aufmerksamkeit für ihre heimischen Verwandten, die mit etwas Glück direkt an der Außenfassade des ehemaligen Flakturms beobachtet werden können.

Eine 2026 in People and Nature veröffentlichte Studie unterstreicht die Bedeutung dieser Arbeit: Bildungsprogramme in Zoos stärken die Naturverbundenheit – vor allem bei Menschen, die sich der Natur zuvor weniger verbunden fühlten. Größere Effekte zeigten sich vor allem bei Angeboten, die Naturschutz thematisierten, direkten Tierkontakt ermöglichten oder intensiver und länger angelegt waren. Damit bilden moderne Zoos und Aquarien eines der größten außerschulischen Bildungsnetzwerke der Welt. Mehr als 700 Millionen Menschen besuchen sie jährlich – eine Reichweite, die kaum eine andere Bildungsinstitution außerhalb des klassischen Schulsystems erreicht.

Gerade vor diesem Hintergrund lohnt sich ein zweiter Blick auf manche Kritik in sozialen Medien. Die Forderung nach mehr Tierwohl, wissenschaftlich begründeter Haltung, Schutz natürlicher Lebensräume und konkreten Auswilderungsprojekten richtet sich nicht zwingend gegen die Idee eines modernen Zoos – sie beschreibt vielmehr, woran sich ein moderner Zoo heutzutage messen lässt.

Dabei steht das Wohl des einzelnen Tieres immer an erster Stelle: tiergerechte Anlagen, Rückzugsmöglichkeiten, passende Sozialkontakte, Beschäftigung, Ernährung und professionelle tierärztliche Versorgung sind Grundvoraussetzungen. Forschung muss daher nicht nur dem Artenschutz dienen, sondern auch unmittelbar zur Verbesserung der Tierhaltung beitragen.

Im Haus des Meeres hat in den vergangenen Jahren eine neue Phase dieser Entwicklung begonnen. Mit erheblichen Investitionen wurden Bereiche geschaffen, die zeigen, wohin sich ein moderner wissenschaftlicher Zoo entwickeln kann.

Eine neue Tierarztpraxis stärkt die medizinische Versorgung und das Know-how im Zoo und steht zugleich Tierhalter*innen aus Wien und Umgebung mit ihrem umfassenden Angebot zur Verfügung. Eine eigene Auffangstation für Reptilien und Amphibien schafft Kapazitäten für Tiere, die abgegeben, beschlagnahmt oder aus anderen Gründen übernommen werden müssen. Eine völlig neu konzipierte, hochmoderne Giftschlangenabteilung setzt neue Maßstäbe bei Haltung, Sicherheit und Versorgung hoch spezialisierter Arten.

Auch die inhaltliche Ausrichtung einzelner Tierbereiche wurde neu gedacht: Die Süßwasseranlage wurde konsequent auf Fischarten ausgerichtet, die kurz vor der Ausrottung stehen. Statt ausschließlich möglichst spektakuläre Tiere zu präsentieren, wird vorhandener Platz gezielt für Arten genutzt, für die zoologische Einrichtungen einen tatsächlichen Beitrag zum langfristigen Überleben leisten können.

Und damit schließt sich der Kreis.

Mitten im Häusermeer Wiens steht ein ehemaliger Flakturm, der heute zugleich eine der beliebtesten Attraktionen der Stadt und eine wissenschaftlich arbeitende zoologische Institution ist. Sein Anspruch geht weit über seine Mauern hinaus: Tierwohl an erster Stelle, Artenschutz über die eigenen Mauern hinaus und Umweltverantwortung als gesellschaftliche Aufgabe.

Viele Besucher*innen erleben genau das längst. Und manchmal betritt auch jemand das Haus, der Zoos grundsätzlich kritisch gegenübersteht. Doch wer hinter die meterdicken Stahlbetonmauern blickt und mit Tierpfleger*innen, Biolog*innen, Tierärzt*innen und Zoopädagog*innen spricht, verlässt das Haus nicht selten mit einem differenzierteren Bild – und mit dem Gefühl, hier geht es um Tiere, Artenschutz und Mee(h)r.

„Gäbe es keine Zoos, wäre spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, sie zu erfinden.“ Für Jeff Schreiner ist daher klar: „Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob wir Zoos brauchen, sondern welche Zoos wir brauchen.“